Testlabor 199807-198777-la-noire

Veröffentlicht am 22. Juni 2011 von William Eichele

0

L.A. Noire

Rockstars presents L.A. Noire
Es ist eine stille Nacht in der Stadt der Engel, Los Angeles. Ein engumschlungenes Paar schlendert kichernd neben Leuchtreklamen, Bars  in einer mit Swing Musik erfüllten Nacht, die Strassen entlang. Doch sind sie nicht allein…. Eine Tür knallt, donnert fast aus den Angeln und knirscht unter den Kräften eines wuchtigen Hiebes beinahe auseinander. Im Bild ein stattlich gebauter Mann. Einen Schritt nach dem anderen trachtet er nach der Strasse wankend, lachend… betrunken. Doch bevor er es zu realisieren vermag, erhellt ein Röhren die Musik geschwängerte Nacht und ein Auto schiesst um die Ecke. Zu spät, ein schrilles Quietschen, gefolgt vom dumpfen Aufprall eines Körpers und der Mann liegt in der Gosse. Ein verlorener Stern unterm Himmelszelt der Sterne. Das Auto fährt davon.

L.A. Noire wurde von einem bislang unbekannten Studio namens Team Bondi entwickelt. Doch schon früh wurden die Australier von keinem geringeren als Rockstar unter die Fittiche genommen. Das Spiel, nimmt seinen Lauf in den späten 40er Jahren nach dem zweiten Weltkrieg in Los Angeles, Hollywood. Cole Phelps, seinerseits Kriegsveteran und Held, versucht als Polizist im LAPD die Strassen etwas sicherer zu machen. Klingt sehr verdächtig nach dem Gegenteil von Mafia 2, stimmt’s? Blockbuster vorprogrammiert? Werden wir sehen. Sehenswert? Auf jeden Fall.

Genau solch eingangserwähnte Szenen erwarten dann den Spieler bei L.A. Noire, vor jedem noch zu lösenden Fall. Doch ist die Sequenz keinesfalls schon die Lösung. Es ist mehr ein visualisierter Erst­eindruck des Tathergangs. Doch was kommt vor dem Ermitteln? Richtig, die Lagebesprechung. Die findet mit dem Sergeant in einem kleinen Schulungsraum des Polizeihauptreviers statt. In eben diesem werden die gröberen Einzelheiten und der Ort des Geschehens erläutert. Danach zieht ihr mit eurem, je nach Dezernat anderen, Partner los um zum Tatort zu gelangen.

Los Angeles ist zu 90% den Gebäuden und Beschilderung der echten Stadt der vierziger nachempfunden. Auch sämtliche Vehikel stammen, wie gewohnt bei solchen Spielen, alle aus der Zeit des Swing und Jazz. Nur allzu schade ist es darum, dass bei der nächsten Kreuzung schon eine grosse Schwäche des Spiels, die Fahrphysik, Blösse zeigt. Die Boliden rutschen nämlich wie geseifte Autoskooter um die Kurven. Die Zwischenmissionen werden im Übrigen genau dann verfügbar, soll heissen der Polizeifunk hält euch auf dem Laufenden bezüglich in der Nähe stattfindender Delikte.

Tatort unbekannt
Am Tatort angekommen werdet ihr dann in eines der Kernelemente des Spiels eingeweiht, dem Untersuchen. Ihr geht von Beweisstück zu Beweisstück sowie der Leiche und inspiziert sie aufs Genaueste. Mal ist es ein blutverschmierter Strang, mal ein Feuerzeug mit der Aufschrift Club Bamba. Diese Gegenstände dreht ihr mit Phelps dann solange in den Händen, bis ihr etwas brauchbares findet oder eben nicht.  Durch eben solche Hinweise oder Zeugenaussagen, zu welchen ich später noch komme, gelangt ihr zum nächsten Anhaltspunkt. Doch gibt es oftmals mehr als was die Ermittler vor Ort finden konnten, und so ist es immer ratsam, die eigenen Augen genau offen zu halten. Dies wurde zudem etwas vereinfacht, so  vibriert der Controller, sobald was Spannendes entdeckt wurde. Einer von zwei Kniffen mit denen dem Spiel etwas an Komplexität genommen wurde. So spürt ihr Orte von Interesse und hört gesäuberte Tatorte. Ein winziges Klaviersolo deutet dabei auf alle gefundenen Hinweise hin.  Ein feiner und sehr sauber ins Spiel integrierter Trick um den Spielern nicht zu viel Freiheit zu geben und sie auf das Wesentliche konzentrieren zu lassen. Sehr fein eingespielt sind auch die Zeitungen, welche hochgehoben eine kleine Zwischensequenz zum Besten geben. In diesen werden die Schlagzeile genauer beleuchtet und eine zusammen hängende Story zum Besten gegeben.

Doch sind es eben diese Untersuchungen, welche ein weiteres, aber sehr starkes Manko blank ziehen lassen. Denn fast alle Texturen werden einfach nur grässlich dargestellt. Sei es eine Wand, eine Graswiese, ein Tisch oder sogar die Haare der Charaktere. Allesamt im Look der letzten Konsolen Generation. Schade, sehr viel verschenktes Potenzial, doch wahrscheinlich auf Grund der sehr komplexen Mimiken kaum anders lösbar. Doch dazu später mehr.  Doch ist es nicht nur die Grafik, die das Erforschen des Tatortes des öfteren zu einem unlogischen Gewirr werden lassen. Es sind auch die Fundsachen selbst! So gibt Phelps in einem Fall zum Besten, die Streichholzpackung sei nur Müll, so ist sie im anderen der letzte Rettungsanker der Ermittlungen. Oder aber ist bei einem Opfer mit dumpfen Kopfverletzungen, der Baseballschläger, vom Forensiker selbst als Mordwaffe vorgeschlagen, der von Cole mit einem Kopfschütteln als wertlos bezeichnet wird.  Schade sind auch die des Öfteren nicht zu öffnenden Schränke oder Türen.

Ist der erste Eindruck dann gemacht, geht es dann anhand eines Indizes am Tatort weiter. Doch ist es nicht nur ein Einziger der euch weiterführen kann. Oftmals können mehrere Querverbindungen zu Waschsaloons, Autogaragen oder ähnlichem hergestellt werden, bei denen ihr dann die absolute Entscheidungsfreiheit habt, wohin ihr zuerst gehen wollt. Auch sehr positiv überrascht hat mich, dass die Reihenfolge, in welcher ihr die Orte abklappert, sehr wohl über den weiteren Verlauf entscheiden kann. Seid ihr dann an einem Ort angekommen, quetscht ihr Verdächtige aus.

Fragen über Fragen, Zeugen über Zeugen
Hier befindet sich dann das zweite Kernstück des Spiels, die Befragungen. In Coles bestem Freund, seinem Notizbuch, werden dann Fragen betreffend der Verbindung zum Opfer, Alibi etc. festgehalten. Diese können dann in beliebiger Reihenfolge gestellt werden. Die grandiose Mimik, die Team Bondi mit einer speziellen Technik von echten Schauspielern abfilmte, kommt hier voll zur Geltung. Jedes beschämte zur Seite blicken, Zähne zusammen beissen oder über die Lippen lecken fällt auf. So werden dann Fragen fast wie von selbst beantwortet. Stellt man also die Frage was das blutverschmierte Hemd in der Waschküche soll, reagiert der vermeidliche Täter nervös, blickt hektisch um sich und stottert, in nahezu perfekter englischer Lippensynchronisation, „Ich… weiss… das ist bestimmt mein Hund… ja ganz bestimmt“. Gute Menschenkenntnisse sind hier sehr von Vorteil.

Ist man sich dann der Lüge, Wahrheit oder Verschwiegenheit sicher, kann man mit der entsprechenden Taste, glauben, der Lüge bezichtigen oder das Gesagte anzweifeln. Die Lüge jedoch birgt eine gewisse logische Einschränkung. Denn wo die einen bei blosser Beschuldigung zusammenbrechen und gestehen sind andere dreister und fordern Beweise. Diese müssen dann selbstverständlich erbracht werden oder man verliert vielleicht den Zugriff auf wichtige Informationen. Denn beleidigte Witwen üben sich so schnell in Verschwiegenheit. Hier wird der ratlose Spieler aber auch nicht ganz sitzen gelassen.
Intuitionspunkte, nennt sich das kleine Helferlein, der nach jedem Rangaufstieg verliehen wird. Ränge werden einem durch abgeschlossene Fälle, gut gelöste Befragungen oder Nebenmission verliehen. Pro Rang ein Punkt. Mit diesen lassen sich dann egal wo, Tipps geben. Am Tatort in Form einer Minimap mit den noch verbliebenen Hinweisen, bei Verhören wird eine Möglichkeit gestrichen oder, Onlineanbindung vorausgesetzt, der Publikumsjoker der sich an den Spielern orientiert, welche diese Befragung schon hinter sich gebracht haben.

Leider aber will nicht gerade jeder der mit einem blutigen Messer in der Hand erwischt wird, schön brav kooperieren. Über Dächer und durch Seitengassen gehen die Verfolgungsjagden zu Fuss oder im Auto. Beide sind oft extrem Actionlastig und zu Fuss lässt sich mit Nahe zu allem eine nahtlose schöne Animation ausführen. So sind Zaun, Abgrund oder eine Feuerleiter ohne hängenbleiben ganz geschmeidig überwunden bzw. erklommen. Sieht grandios aus! Das Jagen der Verbrecher gestaltet sich zwar oft sehr gescriptet doch ist dies nicht unbedingt ein Manko. Ist der Verdächtige geschnappt und/oder geständig so wird er abgeführt und landet, so wie es sich für böse Buben und Mädchen gehört im Gefängnis.

Dass L.A. Noire aber nicht nur ein zusammenhangsloser Streifzug nach Mördern aller Art ist, beweist eindrücklich die Story. Gibt sie sich zu Anfang eher etwas lasch und monoton, so kommt spätestens im dem Morddezernat richtig Schwung in die Sache. Die Story ist ab diesem Zeitpunkt sehr animierend und so lässt es sich der Spieler nicht nehmen 2-3 Fälle am Stück zu lösen, was dann doch sehr in die Länge gehen kann. Aber auch die einzelnen Fälle gewinnen immer mehr an gemeinsamer Bedeutung. Doch sind dies nur Zufälle? Trittbrettfahrer oder einfach nur Hirngespinste?  Nun das muss jeder selber herausfinden.

Präsentation
Noire, ein Filmgenre der 40er Jahre, welches sich durch eine sehr düstere Weltanschauung äussert, bei der die Polizei korrupt ist und der einzige ehrliche Ermittler sich mit Selbstmordgedanken quält. Dies sollte auch in L.A. Noire, wenn auch nur zum Teil, Einzug erhalten. Das Design dafür ist mir darum eine Spur zu bunt. Grund genug für mich den Schwarz-weiß Filter zu aktivieren. Dieser befindet sich im Optionsmenu und stellt das Spiel komplett auf Schwarz-weiß. Doch wird dadurch nicht die perfekte Noir Stimmung erzeugt, denn ein Grossteil des Spiels wandelt man unter der heissen Sonne Kaliforniens. Und der fehlende Tag und Nachtwechsel trägt auch nicht gerade zu einer positiven Besserung bei. Doch dies ist nur für Stilfetischisten. Texturarm, aber Mimiken-reich gesellt sich der Rest zu einer absolut mitreisenden und wiederum sehr gut in Szene gesetzten Musik. Die schon auf dem Startbildschirm für Minuten fesseln kann, probiert es aus! Sanfte Jazzklänge zur in der schwärze der Nacht versunkenen Neonlichtes. Stimmungsvoll. Doch eben leider nur der Startbildschirm.

Sehr gut eingebracht ist, dass für alle die der englischen Sprache nicht so zugewandt sind, das Protokoll. In diesem werden sämtliche Unterhaltung sehr übersichtlich aufgeführt und in ziemlichem Umfang geführt. Der Rockstart Social Club, der mit Red Dead Redemption sein Debüt feierte ist auch hier integriert. Hier allerdings zeigt er nur den Vergleich mit der Freundesliste, was Storyfortschritt und Nebenmissionen angeht.  Die bereits erschienen DLC’s trösten darüber aber hinweg und die höchstwahrscheinlich folgenden erst Recht. Die DLC’s bestehen dabei folglich aus einzelnen Fällen und sind entweder einzeln oder alles in allem im Rockstar Pass zu haben.

Fazit

Singleplayer
Gameplay
Motivation
Grafik
Audio

Ein Debütspiel eines neuen Studio, Team Bondi, könnte nicht besser sein. Absolut neuartiges Konzept, hervorragende Lippensynchronisation,vorbildlichesMimikspiel und das alles verpackt in einer fesselden Story. Lediglich einige Patzer müssen Sie hinnehmen, wie den schlechten Texturen, dem fehlenden Tag und Nacht-wechsel und der Fahrphysik. Nichts destotrotz ist hier ein Spiel entstanden das seinesgleichen sucht und sich in die, bisher relativ kleine, Liste der spielbaren Filme, wie Heavy Rain und Alan Wake einreiht. Absoluter Pflichtkauf!

4.2


Weitere Beiträge zum Thema: , , ,


Über den Autor

Hat mit 6 Jahren seine erste Konsole vom grossen Bruder geschenkt bekommen womit sein Schicksal besiegelt wurde. Mag ausser Sportspielen eigentlich alles unter der Sonne, solang es einen packt. Am liebsten aber nicht all zu rohe Rollenspielkost sowie Action-Adventures und definitiv Halo. Hasst auf Touchscreen emulierte Joysticks/Tasten und schwört auf den Controller...bis jetzt.



Back to Top ↑