Testlabor Yakuza

Veröffentlicht am 14. April 2011 von Robin Schwarz

0

Yakuza 4

Die „Yakuza“-Serie hat bei ihren Fans durchaus Legenden-Status. Seit September 2006 prügeln sich europäische Spieler in der Gestalt von Kazuma Kiryu nun schon durch die Unterwelt Japans. Mit seinen zahlreichen Minispielen, extensiven Storylines und seiner eigenen frei begehbaren Welt hat die Serie sich eine eigene Nische in der Flut an Sandbox-Spielen geschaffen und hatte darum vor allem im fernen Osten grosse Erfolge feiern können. In Europa gehörte „Yakuza“ schon immer zu den Geheimtipps. Das hat sich auch letztes Jahr mit „Yakuza 3“ nicht geändert, dass leider brutal beschnitten worden war und letztlich nicht mehr war, als einer dieser ominösen Strassenprügler. Mit dem neusten Teil soll die Serie aber wieder zu alter Grösse erstarken. Gelingt das?

Seifenoper
Nach einer Eröffnungsszene findet ihr euch in der Gestalt von Shun Akiyama, einem Kredithai, in den Strassen von Kamurocho, dem Rotlichbezirk Shinjukus nachempfundendenen Stadtteil Tokios wieder. Halt, wie? Wer zum Teufel ist Shun Akiyama? Und vor allem: Wo ist Kiryu? Das mögen sich viele Spieler der vorherigen Teile fragen. Tja, der ist jetzt halt nicht hier. Für den Anfang müsst ihr euch mit Akiyama anfreunden, doch keine Sorge. Im Laufe des Spiels werdet ihr auch andere Charaktere spielen dürfen. So gesellt sich Taiga Saejima in die Reihe der Protagonisten. Er sitzt seit 25 Jahren wegen einem legendären Mord an 18 Mitglieder des Ueno Seiwa Clans im Knast und wird eben in ein Geheimgefängnis verlegt, wo nur die schwersten aller Schwerverbrecher eingebuchtet werden. Der Dritte im Bunde ist Masayoshi Tanimura, ein korrupter und spielsüchtiger Cop, der aber eigentlich im Kern gerecht und fürsorglich ist. Und natürlich wäre da auch noch Kazuma Kiryu, Leiter des Sunflower Waisenhauses und Held der bisherigen drei Teile der Serie.

Was diese vier Charaktere mit alten Clan-Fehden, einer mysteriösen Frau  und einem Mord zu tun haben, sei an dieser Stelle nicht verraten. Klingt verwirrend? Ist es auch.

Aber nicht umsonst fühlt man sich während des Spielens an Filme wie „Magnolia“ oder „Babel“ erinnert, auch wenn die ganze Story nicht so feinfühlig und subtil funktioniert, wie in den beiden erwähnten Filmen. Die Dramaturgie der Handlung erinnert eher an eine Seifenoper. So sind gewisse Charakteraktionen durchaus vorhersehbar, was im Grossen und Ganzen aber nicht gross schadet. Es ist sowieso nicht unbedingt die Geschichte als Ganzes, die zu begeistern weiss. Klar, Liebe, Intrigen und Selbstlosigkeit sind klassische, zeitlose Motive, doch ganz gross wird „Yakuza 4“ dann, wenn man einen Einblick ins Innenleben der Figuren erhält und sieht, wer sie hinter ihren Fassaden sind. Wenn zum Beispiel der abgehalfterte aber trotzdem noch starke Schwerverbrecher plötzlich Tränen vergiesst, oder der coole Sonnyboy manchmal emotional sein kann und von verlorenen Liebsten spricht.

Spielhölle
Wer aber glaubt, dass „Yakuza 4“ nur ein Open-World-Prügler mit Story ist, hat weit gefehlt, denn in Kamurocho gibt es mehr als nur Street Punks und Möchtegern-Yakuzas, denen man in Zufallskämpfen auf die Mütze geben kann. Nein, Kamurocho ist nicht umsonst ein Rotlichtbezirk, ein Stadtteil für Hedonisten und eine Spielhölle für Geldgierige. Die Betätigungsfelder sind unendlich. So könnt  ihr euch an Pachinko-Slots eine goldene Nase verdienen oder in diversen Läden einkaufen und sogar Bowling spielen. Für den Gentleman von Welt gibt es Strip-Clubs sowie Hostess-Clubs. Letztere funktionieren wie ein Bordell, nur eben ohne Körperkontakt. Die Hostessen animieren ihre Kunden zum Kaufen von Getränken und Essen und sind für sie einfach als Gesprächspartner da. Perfekt für den gestressten japanischen Geschäftsmann ohne Liebschaft. Das heisst ihr führt rollenspielartige Konversationen, um bei der Hostess an Sympathiepunkte zu gewinnen, und sie vielleicht sogar näher kennenzulernen. Ein Date ist nicht unmöglich. Aber natürlich nicht im Hostess-Club, sondern zum Beispiel in den heissen Quellen und später bei einer Runde Tischtennis. Ihr seht, die Möglichkeiten sind beinahe unbegrenzt. Aber trotzdem ist das noch nicht alles. Je nach Charakter, den ihr spielt, habt ihr unterschiedliche Nebenmissionen. Als Saejima könnt ihr einem untalentierten Kämpfer helfen ein Dojo aufzubauen und seine Schüler auszubilden oder als Akiyama rekrutiert ihr Mädchen aus den Strassen Kamurochos, um sie zu perfekten Hostessen auszustaffieren und auszubilden. Inklusive Kleidershopping, Schminken und Schmuck. Schon alleine mit diesen Missionen könnt ihr Stunden verbringen.

Unterhaltet ihr euch mit den Menschen Kamurochos, erhaltet ihr auch immer wieder Zugang zu sogenannten Substories, die euch ebenfalls über längere Zeit beschäftigen können. Diese Substories erzählen immer wieder von menschlichen Schicksalen und haben eine enorme Spannweite von lächerlich-niedlich bis hin zu tiefgehend und berührend. In „Yakuza 4“ gibt es so viele Dinge zu tun, dass man als Spieler durchaus an der schieren Zahl der Möglichkeiten zerbrechen kann. Man braucht Nerven, um sich den Weg durch den Stadtdschungel bahnen zu können.
Wo anfangen, wo aufhören? Diese Fragen begleiten euch ständig im Hinterkopf. Wer mit diesen Spielereien nebenbei wenig am Hut hat, dürfte aber auch alleine mit der Story mindestens 20 Stunden beschäftigt sein.

Alter
Doch so euphorisch das jetzt in den ersten Zeilen geklungen haben mag, es gibt auch in „Yakuza 4“ einige Dämpfer. Das Spiel erinnert an bereits vergangene Tage der Videospielgeschichte. Einerseits scheint Kamurocho so detailliert, wie kaum eine Spielwelt zuvor, andererseits bleiben die Interaktionsmöglichkeiten auf einem Minimum. Fahrzeuge sind nicht spielbar (obwohl es in Kamurocho unglaublich viele Fahrräder gibt!) eine Physikengine für Objekte auch nicht, Gengenstände einfach aufheben kann man auch nicht. Die Welt wirkt unglaublich lebendig, die Fussgängermassen sind so authentisch wie selten, aber trotzdem gibt es überall unsichtbare Schranken und trotzdem wirkt alles statisch und man kann keinen Einfluss auf die Spielwelt nehmen, wie man das von einem Open-World-Spiel eigentlich erwarten würde. Klar, das Spiel lehnt sich eher an japanische Rollenspiele (und das merkt man dem Spiel in jeder Faser an), als an Spiele wie „GTA“ oder „Red Dead Redemption“, aber ein wenig mehr Interaktionsmöglichkeiten mit der Welt wären sicherlich wünschenswert gewesen.  So erinnert das Spiel halt wirklich an Tage, die mittlerweile gezählt sind. Auch das Separieren der Kämpfe vom eigentlichen Spielgeschehen ist so ein Relikt. Zwar stört das überhaupt nicht, da die Übergänge in die Kämpfe sehr fliessend sind, aber trotzdem fühlt man sich limitiert.

Dazu gesellen sich steife Animationsübergänge und stumme Cutscenes, bei denen man sich durch lange Texte klicken muss, während die Charaktere dazu gestikulieren. Wie früher halt. Viele Spieler mögen diesen Charme mögen, keinen Zweifel. Aber langsam ist es doch an der Zeit gewisse alte Funktionalitäten zu modernisieren. Damit meine ich keineswegs eine Vereinfachung des Spielgeschehens, wie es zum Beispiel vom Sprung von „Baldur’s Gate 2“ zu „Dragon Age: Origins“ passiert ist, sondern das Hintersichlassen von alten Mechanismen, die Probleme umschiffen, die man heutzutage eleganter lösen kann.

Auch das Kampfsystem kämpft selber mit seinen Fehlern. So ist es zum Beispiel trotz des Lock-Ons manchmal schwierig das Ziel wirklich zu treffen, nicht weil die Gegner besonders flink wären, nein, sondern weil man manchmal schlicht und einfach meilenweit danebenhaut. Auch das wirkt manchmal etwas altbacken, vor allem in Kombination mit den miesen Animationen. Fairerweise muss man aber sagen, dass man sich nach einer Weile daran gewohnt hat.

Trotzdem wirken die Fights alles andere als geschlossen und flüssig. Wie es sich für Prügelspiele heutzutage gehört, kann man für jeden Charakter mit jedem Levelaufstieg neue Angriffe und Fähigkeiten freischalten. Leider hat das zwar alles seinen Sinn, aber so wirklich  deutlich machen sich diese Veränderungen im Gameplay nicht bemerkbar. In der Tat wünscht man sich etwas mehr abwechslung, vor allem bei Finishing Moves und Waffen. Von beiden gibt es nur eine Handvoll. Schade, hier wurde Potential verschenkt!

Kulturanthropologie
Man möchte meinen, dass man nun weiss um was es in „Yakuza 4“ geht. Eine storygetriebene Open-World-Prügelei mit unglaublich vielen alternativen Betätigungsmöglichkeiten. Doch diese Beschreibung genügt nicht, um dem Titel gerecht zu werden. Einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Faktor, ist der Kultureinfluss Japans auf dieses Spiel. Denn „Yakuza 4“ ist so japanisch wie kaum ein anderes Spiel. Kein anderes Spiel auf dem Markt ist ein derart detailgetreues Gemälde der japanischen Kultur. Es ist nicht nur das schillernde, farbige Quartier, das das Japanische widerspiegelt. Nein, es sind die Gestik, das Zwischenmenschliche, die Umgangsformen, die Verhaltensweisen, einfach alles. Obwohl man nur vor dem Bildschirm hockt, hat man für die ersten ein, zwei Stunden durchaus einen Kulturschock. Und jeder, der sich über andere Kulturen Gedanken macht, wird sich unweigerlich mit einigen Fragen konfrontiert sehen. So werden einige Menschen durchaus ihre Mühe mit dem japanischen Frauenbild haben, oder werden Dinge, wie die bedingungslose Loyalität zu einem Vorgesetzten oder Familienmitglied durchaus kritisch beäugen. Man merkt – Japan ist eine andere Kultur, so westlich die Städte bisweilen aussehen mögen, und ebenso fremd, wie die arabische, afrikanische oder südamerikanische Kultur es manchmal sind. Doch es lohnt, sich mit Kulturen auseinanderzusetzen. Und eine Stunde Kulturanthropologie gratis und in Form von Unterhaltung? Nur immer her damit!

Fazit

Singleplayer
Gameplay
Motivation
Grafik
Audio

Yakuza 4 ist ein Spiel mit extremer Faszinationskraft. Wer sich auf Kamurocho einlässt, wird für viele Stunden dort bleiben und sich mit den mannigfaltigen Möglichkeiten die Zeit vertreiben. Auch wenn es hin und wieder Durchhänger gibt und man nicht weiss, wo man jetzt genau weitermachen soll (ja, die Qual der Wahl eben), hat das Spiel einen tollen Spannungsbogen. Wer über die zum Teil etwas altersschwachen Mechanismen hinweg sehen kann und von fremden Kulturen nicht abgeschreckt wird, dürfte ohne Zweifel seinen Spass haben. Für zart besaitete ist der Titel aber nichts, denn gerade gewisse Finishing-Moves sind unnötig brutal und tun schon beim zuschauen weh. Aber letztlich gehört auch das zur glaubwürdigen Darstellung der japanischen Unterwelt mit all seinen Intrigen.

3.8


Weitere Beiträge zum Thema: , ,


Über den Autor



Back to Top ↑